Der Zustand der Vielfältigkeit soll Gebundenheit und Ekel sein….

Im letzten Artikel hatte ich die Frage beantwortet, wieso das Liber L als Gegensatz zur Gebundenheit den Willen setzt und nicht Freiheit. In diesem Artikel möchte ich mich der „Vielfältigkeit“ in diesem Vers zuwenden.

Der Zustand der Vielfältigkeit, auf den das Liber L an dieser Stelle anspielt, beschreibt den „natürlichen“, den unreflektierten Menschen, der sein einzigartiges Selbst noch nicht erschaffen hat.

Bevor wir uns auf den Weg machen, Thelemit zu werden, sind wir ein Bündel von Gefühlen, Gedanken, Gewohnheiten und Empfindungen, das lose durch unseren Körper, als die uns mögliche Identifikation, zusammen gehalten wird.

Stirbt dann der Körper, zerfallen wir mit ihm. Uns fehlt ein einigender Wille als Struktur und die Kraft der Kundalini, die unsere selbst erschaffene Struktur durchströmt.

Das ist keine neue Erkenntnis, von dem ägyptischen Totengericht bis zum tibetischen Totenbuch finden wir solche Beschreibungen.

Fragen | geralt@pixabay.com

Den Zustand der Vielfältigkeit dürfte jeder von uns kennen. Unsere Gefühle sagen das eine und unsere Gedanken etwas anderes.

Heute wollen wir das eine und morgen etwas anderes. Wir sind uneins mit uns selbst.

Entsagung

Das Mittel des letzten Äons, der eigenen Vielfältigkeit und jener der Welt Herr zu werden, war die Entsagung. Weltentsagung, gewaltsames Abtöten des immer wieder aufkeimenden Ich, Abscheu und Ekel gegen alles Körperliche.

Diesen Weg der Entsagung zu gehen bedeutet den Gewinn einer vermeintlichen Einheit auf Kosten der eigenen Vielfalt und Identität.

Um jede Versuchung der Vielfalt auszumerzen wurden Klöster gebaut und Einsiedeleien gegründet. Das Ego wurde verdammt und die Triebe verteufelt.

Thelema will das ganze Leben

Doch das ist nicht der Weg von Thelema. Thelema bedeutet das ganze Leben zu wollen, in all seiner Vielheit, mit einem kristallklaren Willen, der die Vielheit zu einer selbst erschaffenen Einheit fügt. Nur wir selbst können entscheiden, was zu unserer einzigartigen Einheit gehören soll und was nicht.

Töpfern, Hände | Pexels@pixaby.com

Vielleicht hilft dir folgendes Bild: Ein Thelemit ist ein Künstler, der aus seinem Leben ein Kunstwerk macht. Das Thema seines Kunstwerkes ist sein wahrer Wille. Das Material aus dem er dieses Kunstwerk formt, sein ganzes Leben. Je mehr verschiedenartiges Du in dieses Kunstwerk integrieren kannst, um so schöner und einzigartiger wird es werden.

So kannst Du dein ganzes Leben, deine ganze Erfahrung als Material für dein Kunstwerk hernehmen. Du brauchst nur anfangen es zu formen.

Doch wie anfangen? Lerne Ziele zu verfolgen und entwickle eine Vision von Dir. Das sind zwei Fertigkeiten, die Du auf jeden Fall auf deinem Weg brauchst, wenn auch nicht alle.

Ziele verfolgen

Dabei geht es nicht darum, sich irgendwelche Ziele zu setzen, sondern Ziele, die deine momentanen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten übersteigen. Das muss nicht viel sein, dennoch so deutlich, dass es für dich herausfordernd ist.

Wenn Du deine gewohnten Routinen verändern musst, um dein Ziel zu erreichen, dann hast Du gut gewählt. Ziele verfolgen zu lernen ist eine der Schlüssel-Fähigkeiten eines Thelemiten.

Zu jedem Ziel gehört ein festgelegter, sinnlich wahrnehmbarer Endzustand und ein Zeitpunkt, zu dem Du dieses Ziel spätestens erreicht haben willst.

Ein Ziel könnte sein: Ich will in 7 Tagen 100 Vokabeln Englisch gelernt haben. Oder Ich will meinen Körper so trainieren, das ich in 3 Monaten einen 20er Satz Bankdrücken mit 120 kg schaffe.

Bei diesen Beispielen könnte z.B. ein Freund sehen, ob Du dein Ziel erreicht hast. Er könnte dich Vokabeln abfragen oder Dir beim Bankdrücken zuschauen. In deinem Tagebuch kannst du auch klar notieren, ob Du das Ziel erreicht hast oder noch nicht.

Kein Ziel ist: Ich will in 7 Tagen besser Englisch können. Ich will so lange trainieren, bis ich einen 20er Satz Bankdrücken mit 120 kg schaffe. Ich will ein besserer Mensch werden.

Bei diesen Vorhaben könnte niemand sehen, ob Du das angegebene „Ziel“ erreicht hast oder nicht. Noch nicht einmal Du selbst. Formulierst Du deine Ziel so, öffnest Du dem Selbstbetrug Tür und Tor.

Am besten benutzt Du auch ein Tagebuch für Aufzeichnungen. Und noch erfolgreicher wirst Du, wenn Du den Weg mit Anderen, die ihren Weg gehen, teilst. Sie werden dir dann schon sagen, ob Du dein Ziel erreicht hast.

Eine Vision entwickeln

Wie willst Du in 10, 100, 1000 oder 10000 Jahren sein? Was willst Du tun, wenn du unsterblich geworden bist? Versuche, das dir möglichst sinnlich auszumalen.

Thelema zielt auf ewiges Leben. Und es wäre ein schrecklicher Gedanke wenn du mit so viel Zeit nichts anfangen könntest. In deiner Vision von dir wird sich das erste Samenkorn deines Wahren Willens zeigen.

Mit diesen beiden Übungen kannst Du deinen Weg zum Thelemiten beginnen.Und wenn Du das tust, wirst Du Freunde auf deinem Weg finden, die mit dir gehen.

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