Wie wir unser Selbst aufgeben

Thelema ist ein Weg der Selbstwerdung des Menschen. Nicht nur der Menschheit, sondern jedes Menschen. Der Weg, sich selbst zu erforschen und zu erschaffen. Ein Weg voller Hindernisse. Eines der tückischsten Hindernisse auf dem Weg der Selbstwerdung ist das sogenannte „Man“. Heidegger entdeckte und beschrieb es ausführlich in den 1920er Jahren – vor fast hundert Jahren also.

Im Man ist jeder wie der Andere und keiner wie er Selbst.

Menschen mit Masken
Menschen mit Masken | geralt@pixabay.com

Vorab sei gesagt, dass das „Man“ für sich genommen nichts Böses ist. Das „Man“ ist schlicht ein Mechanismus, der die soziale Komplexität einer Gesellschaft auf einem verarbeitbaren Niveau hält. Keine Gesellschaft ohne ein „Man“. Das „Man“ macht Verhalten von Menschen in einer Gesellschaft erwartbar, wir müssen nicht mehr jeden Einzelnen beachten.
Auch unser Verständnis der Welt wird durch das „Man“ geregelt und entlastet uns so vor der eigenen Anstrengung unser Weltverständnis selbst zu ergründen.

Beispiel: Wir „wissen“ dass man nicht nackt durch die Straßen geht und dass die Erde keine Scheibe ist. Würde also jemand in Deutschland nackt durch die Straße laufen und lauthals behaupten, dass die Welt eine Scheibe ist, hätte er mit dem Unmut seiner Mitmenschen zu rechnen.

An dieser Stelle seines Nutzen wendet sich das „Man“ gegen den Einzelnen. Denn das „Man“ ist niemand konkretes, auch nicht die Summe aller Beteiligten. Das „Man“ ist eine Abstraktion, eine Durchschnittlichkeit, gebildet durch unsere alltägliche Kommunikation.

Diese alltägliche Kommunikation aber wird, ohne dass wir das bemerken würden, zu einer festen Erwartung an jeden Einzelnen. Sie schreibt uns vor, wie man zu sein hat.

Indem wir fühlen, wie man fühlt, essen was man isst, die Welt erleben, wie man sie erlebt und genießen, wie man genießt….. wir uns also dem Man angleichen, geben wir uns als Individuen auf. Indem die Unterschiede zwischen uns verschwinden, entfaltet die Diktatur des allgegenwärtigen „Man“ seine Macht. Heidegger spricht davon, dass wir uneigentlich werden: abständig, durchschnittlich, eingeebnet.

Schauen wir uns die Wirkung des allgegenwärtigen Man auf uns also genauer an.

Abständigkeit, Durchschnittlichkeit und Einebnung

Martin Heidegger (1960) | Von Willy Pragher – Landesarchiv Baden-Württenberg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34975219

Abständigkeit versteht Heidegger als die Sorge um den Unterschied zum Anderen. Der Andere ist kein konkreter Mensch, der uns gegenüber tritt, sondern das allgemeine, unpersönliche „Man“, mit dem der Andere sich ebenso vergleicht wie ich. Ich übersehe also, wenn ich mich mit ihm vergleiche, dass es ihm genauso geht wie mir.

Alle wollen möglichst gut abschneiden im Vergleich mit dem Anderen. Doch was ist der Maßstab für „gut“?

So wird jeder für den Anderen zum „Man“ und wir alle gleichen uns immer mehr diesem nebulösen „Man“ an.
Luhmann würde dazu sagen, dass die Kommunikation kommuniziert und sich so selbst am Laufen hält. Wie soziale Systeme eben funktionieren. „Zunächst und zumeist“ „bodenlos“, um wiederum Begriffe von Heidegger zu verwenden.

„Zunächst und zumeist“ (automatisch, aber nicht zwangsläufig) identifizieren wir uns mit diesem „Man“ und fragen gar nicht erst nach unserem eigenen Selbst.

Beispiel: Anschaulich wird das „Man“ besonders, wenn vom „Zeitgeist“ die Rede ist. Der Zeitgeist verlangt nun mal, dass man Dinge auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen und Sprache in einer bestimmten Art und Weise zu verwenden hat. So wurde vor kurzem mal wieder darüber diskutiert, dass in dem 1852 erschienen Buch „Onkel Tom`s Hütte“ das N-Wort nicht mehr vorkommen sollte. Doch wer ist der Zeitgeist, der dies verlangt?

Durchschnittlichkeit ist der Zweck des „Man“, denn so wird die Anschlussfähigkeit von Kommunikation gewahrt. Abweichungen werden nicht toleriert. Es gibt eine gewisse Bandbreite von erlaubten Verhaltens und Kommunikationsweisen, alles andere was davon abweicht, wird ausgeschlossen.

Das Man kann sich jedoch auch verändern. Neues, bislang Verpöntes oder Unbekanntes kann ins akzeptierte „Man“ aufgenommen werden. Doch das braucht so seine Zeit. Was dabei geschieht ist folgendes: Das Neue verliert seine Kraft und wird dem „Man“ angepasst. Sobald es zum „neuen Man“ dazu gehört, verlangt es genauso Durchschnittlichkeit wie alles andere auch.

Einebnung ist die Kehrseite der Durchschnittlichkeit. Alles und vor allem jeder, der herausgeragt, wird an das „Man“ angepasst.

Beispiel: Heute kann jedermann zum besten geben, dass ihm die Relativitätstheorie von Einstein natürlich bekannt ist E= mc(2) lautet die Formel, die Einstein in einem Geistesblitz empfangen hat. Geistesblitz, ja kenne ich, habe ich auch manchmal, Formeln kenne ich auch, hatte ich jahrelang in der Schule. Bin ja nicht ungebildet. Alles klar.

Noch ein Beispiel: Picasso hat viele Jahre gebraucht, bis er nicht mehr am Hungertuch nagte und jemand seine Kunst ernst nahm. Nur seine hartnäckige Weigerung, sich dem „Man“ zu ergeben und zu malen wie man malt, gibt uns die Möglichkeit, die Welt mit für uns ungewohnten, mit seinen, Augen zu sehen. Doch wie viele Menschen, die sich einen Druck seiner Werke ins Zimmer hängen, verstehen seine Bilder oder können die Sprengkraft, die sie hatten und noch haben, spüren?

So werden selbst Menschen, die mit ihrer Forschung oder ihren Werken einen wirklichen Unterschied in die Welt gebracht haben, so lange zerredet, klein geredet, bis sie und ihre Leistungen sich – scheinbar – nicht mehr von „uns“, dem „Durchschnitt“ unterscheiden. Das „Man“ ist sich selbst der Maßstab. Und Einstein wie Picasso werden folglich ver – Man – scht.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil.

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